Chorgeschichte in Wickrathberg

von Cornelius Goeters +

 

"Vereinsgeschichte" aus der Festschrift zum 125-jährigen Jubiläum

Das Jubiläum ist in der Geschichte unseres Dorfes ein besonderes Ereignis.


In der Vergangenheit sind wir von anderen Datierungen ausgegangen uns so ist es nötig, über die Entstehungsgeschichte mehr zu berichten. Dieses ist auch möglich, weil uns nunmehr hierzu die entsprechenden Urkunden vorliegen.


Es entsteht dabei eine Art "Chorgeschichte" in Wickrathberg. Um aber die Situation dieser Gründungszeit besser zu verstehen, ist ein Blick auf das Jahr 1862 angebracht.

Das Dorf Wickrathberg hat 980 Einwohner (522 männliche und 458 weibliche) und gliedert sich konfessionell wie folgt auf:

84,1% Evangelische, 8,6% Juden und 7,3% Katholiken.

Für die Aufteilung nach Berufen sind die 156 Ehepaare als Basis genommen und ergibt sich da:

36,5% Hausweber

20,9% Handwerker

13,5% Kaufleute und Händler

10,8% Tagelöhner und Knechte

9,5% Landwirte,

4,7% Wirte (5, davon 4 verh.), Fuhrleute und der Müller,

4,1% der Pastor, Lehrer, Post und Polizei.

Entsprechende dem fränkischen Erbrecht ist der Grundbesitz sehr breit gestreut und besitzt die Mehrheit der Bevölkerung Anteile an Grund und Boden, die eine gewisse Eigenversorgung mit Lebensmitteln erlaubten.

(...)


Nach dieser kurzen Situationsschilderung wenden wir uns der "Chorgeschichte" in Wickrathberg zu.

Der Wickrathberger Lehrer, Peter Püttbach, war zugleich auch als Küste und Vorsänger im Gottesdienst angestellt worden (nicht als Organist).


Nun ließ der Kirchgesang doch erhebliche Mängel erkennen - wie beispielsweise in einem Protokeoll vom 20.06.1836 festgehalten ist.

Um diesem Mißstand abzuhelfen, kam es bekanntlich am 24. Mai 1846 zur Gründung des "Gesangvereins der Evangelischen Gemeinde Wickrathberg". Als Mitglieder waren vorgesehen, die männlichen konfirmierten Gemeindemitglieder und unterzeichnet die Statuten als Statuten als erster und einziger Lehrer Peter Püttbach.

Die Namen von zwei weiteren Unterzeichnern begegnen uns noch später: Carl Bertrams und Wilhem Kremers

In Wickrath kommt es in dieser Zeit zu folgenden Chorgründungen:

a) Verein der Chorsänger am 06.10.1850

b) Wickrather Männergesangverein am 10.11.1861

Zu bemerken wäre, dass unter den Sängern der "Frühzeit" in Wickrath auch Wickrathberger Bürger sind. Beispielsweise:Jacob Blech (1861), Carl Bertrams (1862), Eduard Schmidt (der allerdings anscheinend 1863 noch in Wickrath wohnte), Gerhard Heynen (1863), Herman Bend (1863) und Wilhelm Lies (1863).

Der Vollständigkeit halber sei für Wickrath noch genannt: Wickrather Männerquartett am 27.01.1876


Es liegt also nahe, dass Wickrathberg einen eigenen Männergesangverein erhält, und wir sind in der glücklichen Lage, dss wir die Originalgründungsurkunde vom 23. Juli 1863 des Gesangvereines "Eintracht" zu Wickrathberg in Copie vorlegen können.

Die Anregenung und treibende Kraft ist zweifelsohne der neue Wickrathberger Lehrer Dietrich Hogeweg, der auch die Statuten unterzeichnet.


Die Namensliste der 37 Gründungsmitglieder erlaubt folgende Feststellungen:

a) alle Mitglieder sind bei der Gründung unverheiratet,

b) der Kreis der Sänger ist im Durchschnittsalter erstaunlich jung. Nur etwa 1/3 ist älter als 25 Jahre.

c) in manchen Jahrgängen (z.B. 1841) sind fast 50% der männlichen Dorfbewohner aktive Sänger der "Eintracht",

d) der Kreis ist nicht einseitig konfessionell bestimmt.

Dietrich Hogeweg verließ Wickrathberg Ostern 1867, um als Hauptlehrer die Leitung der Schule in Broich bei Mühlheim an der Ruhr zu übernehmen.

Als Nachfolger wurde am 16.04.1867 Wilhelm Lüngen als Lehrer und Kantor gewählt (Berufungsurkunde vom 7. Mai 1867).

Damit erhielt die "Eintracht" ihren zweiten Dirigenten.


Etwas überraschend kommt es dann am 01.02.1868 in Wickrathberg zur Gründung eines weiteren Männergesangvereines "Wohlgemuth" unter der Leitung des emeririertem Lehrer Peter Püttbach.

Dieser neue Verein wendet sich an einen etwas anderen Personenkreis - wie man aus den Namen der Gründungsmitglieder erkennen kann.

Wir finden dort Wickrathberger, die vordem im Wickrather Männergesangverein gesungen haben (Eduard Schmidt z.B. wohnte zunächst in Wickrath und kam durch seine Heirat mit der Tochter des Lehrers Peter Püttbach - Mai 1866 - nach Wickrathberg).

Es scheint ferner, als ob zwischen diesem Männergesangverein "Wohlgemuth" von 1868 und der alten Wickrathberger Gesellschaft "Genügsamkeit" von 1839 ein Zusammenhang besteht.

Von den 20 Gründungsmitgliedern bei "Wohlgemuth" sind 8 selbst Mitglieder, 3 Söhne von Mitgliedern, 1 Bruder eines Mitgliedes (Hermann Barten, geb. 1849) und 1 kaufm. Angestellter bei einem Mitglied der "Gesellschaft Genügsamkeit".

Es könnte auch sein, dass zwischen den beteiligten Lehrern eine gewisse Rivalität bestand (Püttbach was Mitglied der "Genügsamkeit" seit Februar 1840, sein Nachfolger Dietrich Hogeweg (1862-1867) war kein Mitglied und dessen Nachfolger Wilhelm Lüngen (1867-1890) wurde erst Mitglied der "Genügsamkeit" am 10.06.1880), das haißt zu einem Zeitpunkt, als er nicht mehr Dirigent der "Eintracht" war).


Ein Vergleich der verschiedenen Statuten ist hochinteressant:

Vereinszweck - in §1: außer Gesangausbildung bei:

a) "Wickrather Männergesangverein" - gesellige Vorträge

b) "Wohlgemuth" von 1868 - gemütliches Zusammenkommen

anders:

c) Eintracht - hier ausschließlich die Pflege des mehrstimmigen Männergesanges


Vorstände haben alle Vereine. Aber bei der "Eintracht" heißt es klar, dass die Leitung des Vereines bei dem Dirigenten liegt.

Mitgliedschaft - während die anderen Vereine auch passive und Ehrenmitglieder vorsehen, hat die "Eintracht" nur aktive Sänger.

Persönliche Bindung: hier hat die "Eintracht" in §10 eine klare Regelung hinsichtlich des Todesfalles eines Mitgliedes.

In der Zahl der Paragraphen ist die Satzung der "Eintracht" die kürzeste Formulierung.


(...)


Aus heutiger Sicht kann durchaus als Gründungsdatum der "Eintracht" der 23. Juli angesehen werden. Auf der alten Vereinsfahne steht die Jahreszahl 1880 - ein Zeichen dafür, dass spätestens zu dieser Zeit der alte Name "Eintracht" wieder aufgenommen worden war.


In der Reihe der Vorsitzenden wird an erster Stelle Hermann Bend genannt. Wir finden ihn im Juni 1863 im Wickrather Männergesangverein und am 1. Februar 1868 unter den Mitgründern von "Wohlgemuth". Auch weitere, überlieferte, Gründungsmitglieder finden wir in "Eintracht" von 1863 oder "Wohlgemuth" von 1868 bereits vor.


Um die Jahreswende 1875/1876 kam als 2. Lehrer an die Wickrathberger Volksschule Wilhelm Landmesser, der aus Herrath stammt (geb. 1851). Er übernahm von Wilhelm Lüngen da Dirigantenamt,

Ende 1881 verließ Landmesser Wickrathberg, um Lehrer in Wallmichrath bei Langenberg zu werden.


Das alte Archiv der "Eintracht" ist durch die Zeitumstände in Verlust geraten. So sind es neben der Überlieferung glückliche Einzelfunde, die helfen, ein geschichtliches Bild zu zeichen.

Es würde sicher den vorhandenen Rahmen sprengen, wenn man aus der Folgezeit alles aufzählen wollte und manches ist auch schon in frühreren Festschriften erwähnt worden.

Für das Musikleben in Wickrthberg war zweifelsohne ein markantes Datum der 23.12.1882. An diesem Tag heiratete in Wickrathberg Georg Ludwig Hoffmann (aus Kaiserslautern) mit Margarete Johanna Luise Klammer (aus Wesel), beide wohnhaft in Wickrathberg.

In der Vereinsgeschichte der "Eintracht" dürfte er der Dirigent mit der längsten Dienstzeit gewesen sein (sein Nachfolger wurde Fritz Schrey, 3. Lehrer in Wickrathberg 1909-1913.

Um ihn sammelten sich weitere Musikanten und schon 1889 (am 16.09.) erscheint der feste Begriff der "Hoffmann'schen" Kapelle. Spter rekrutierten sich die Musikanten aus der SChar seiner Söhne (Ludwig - geb. 1884, Adalbert - geb. 1855 und Hermann - 1890).

 

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